Sonntag, 19. Mai 2013

Kunstvoller Weltuntergang – Albrecht Dürers „Apokalypse“ (Teil 3)


Albrecht Dürer: Die vier Windengel (um 1497/98); Holzschnitt
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Nach der Schreckensvision des sechsten Siegels folgt in der V. Figur (Die vier Windengel) die tröstliche Botschaft für die Gläubigen, dass Gott sie vor dem geschilderten Verderben bewahren werde. Dürer hat die vier mächtigen Engel, die die Winde aufhalten sollen (Offb. 7,1-3), um den früchteschweren Lebensbaum gruppiert. Sie sorgen für Ruhe im Sturm, die zur Rettung der Anhänger Gottes genutzt wird. Im Vordergrund stehen zwei Engel, deren Arbeit bereits verrichtet ist. Ihnen entsprechen die beiden Windköpfe in der oberen linken und rechten Bildecke, die beide nach außen blasen und somit keinen Schaden mehr anrichten können. Nicht zu Unrecht erinnern gerade die beiden vorderen Engel an Werke Andrea Mantegnas (1431–1506), die Dürer auf seiner Italienreise von 1494/1495 gesehen hat.
Die beiden anderen, höher postierten Engel sind noch dabei, ihre Kontrahenten zu bekämpfen bzw. zu beschwichtigen. Vor dem Sturmhauch des am linken Bildrand befindlichen Kopfes schützt sich ein Engel mit seinem Schild und holt mit dem Schwert zum Schlag aus; der Engel rechts neben ihm dagegen vermag es, nur mit einer befehlenden Gebärde den Windstoß des am rechten Bildrand über den Auserwählten dargestellten Kopfes abzuleiten.
Über ihm schwebt ein weiterer Engel mit dem Kreuz über seiner Schulter. Bei dieser Figur handelt es sich um den Engel mit dem „Siegel des lebendigen Gottes“, der die vier Engel anweist, keinen Schaden an Erde, Meer und den Bäumen anzurichten, bis die Versiegelung der Knechte Gottes abgeschlossen ist (Offb. 7,2-3).
Im rechten Hintergrund kennzeichnet ein junger Engel, in der linken Hand den Abendmahlskelch, mit dem Blut Christi die 144 000 Auserwählten aus den zwölf Stämmen Israels (Offb. 7,4-8). Durch das Kreuz auf ihrer Stirn werden sie als Gottes Eigentum kenntlich gemacht und stehen unter seinem Schutz – ein Motiv, das den Ereignissen beim Auszug aus Ägypten nachgestaltet ist (2. Mose 12,7-13). Dürer stellt die Auserwählten als Personen der eigenen Zeit dar, die das Bekenntnis zu Christus vereint. Unter ihnen finden sich Menschen verschiedenster Stände — ein hoher geistlicher oder weltlicher Würdenträger ist nicht dabei.

1 Danach sah ich vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind über die Erde blase noch über das Meer noch über irgendeinen Baum. 2 Und ich sah einen andern Engel aufsteigen vom Aufgang der Sonne her, der hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief mit großer Stimme zu den vier Engeln, denen Macht gegeben war, der Erde und dem Meer Schaden zu tun: 3 Tut der Erde und dem Meer und den Bäumen keinen Schaden, bis wir versiegeln die Knechte unseres Gottes an ihren Stirnen. 4 Und ich hörte die Zahl derer, die versiegelt wurden: hundertvierundvierzigtausend, die versiegelt waren aus allen Stämmen Israels: 5 aus dem Stamm Juda zwölftausend versiegelt, aus dem Stamm Ruben zwölftausend, aus dem Stamm Gad zwölftausend, 6 aus dem Stamm Asser zwölftausend, aus dem Stamm Naftali zwölftausend, aus dem Stamm Manasse zwölftausend, 7 aus dem Stamm Simeon zwölftausend, aus dem Stamm Levi zwölftausend, aus dem Stamm Issachar zwölftausend, 8 aus dem Stamm Sebulon zwölftausend, aus dem Stamm Josef zwölftausend, aus dem Stamm Benjamin zwölftausend versiegelt. (Offenbarung 7,1-8)
Albrecht Dürer: Die sieben Posauenengel (1496/97), Holzschnitt
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Nach dieser Atempause im apokalyptischen Geschehen brechen in der VI. Figur (Die sieben Posaunenengel) mit unvermittelter Wucht neue Schreckensereignisse über die Erde und die Menschen herein. Sie werden im 8. und 9. Kapitel der Johannes-Offenbarung beschrieben und folgen auf die Eröffnung des siebten Siegels. Der Holzschnitt ist in drei horizontale Zonen gegliedert. Ganz oben teilt Gottvater die Posaunen an seine Engel aus. Vor ihm steht ein Engel an einem spätgotischen Altar, der ein Weihrauchgefäß mit Feuer gefüllt hat und es auf die Erde schleudert, was zu „Donner und Stimmen und Blitze und Erdbeben“ führt (Offb. 8,1-5).
In der mittleren Zone stoßen zwei Engel in ihre Hörner; unter dem Engel mit der gebogenen Posaune in der linken Bildhälfte ist der Stern Wermut zu sehen: Er fällt in einen Brunnen am unteren Bildrand und lässt ein Drittel des Wassers auf Erden bitter werden (Offb. 8,6-11). Weiter nach hinten versetzt, wird ein gewaltiger, feuerspeiender Berg von zwei Händen zischend und dampfend in das Meer eingetaucht. Sogleich verwandelt sich ein Drittel der Fläche, dunkel schraffiert, in Blut, und ein Drittel der Schiffe wird vernichtet. Weiter hinten in der Bucht ist es noch ruhig, ein Schiff gleitet mit geblähten Segeln über das Wasser. Aus den Wolken schießt der Adler, der einen dreifachen Weheruf ausstößt und so vor den letzten drei Posaunen warnt (Offb. 8, 13). Es sind die einzigen Worte, die in der gesamten Holzschnittfolge auftauchen.
Auf der rechten Seite bricht, als direkte Folge des Trompetenstoßes des Engels mit der geraden Posaune, Feuer hervor, das ein Drittel des Landes verbrennt, und eine Heuschreckenplage über die Erde herein (Offb. 9,3). Die Verfinsterung von Sonne und Mond nach dem Signal der vierten Posaune (Offb. 8,12) wird durch den dunklen Huntergrund angedeutet, von dem sich die Gestirne abheben. Die ebenfalls mit dem fünften Posaunenstoß verknüpfte Vision des vom Himmel fallenden Sterns, dem der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben wird (Offb. 9,1), stellt Dürer nicht gesondert dar – er zieht ihn vielmehr mit dem Fall des Sterns Wermut in der linken Bildhälfte zusammen.

1 Und als das Lamm das siebente Siegel auftat, entstand eine Stille im Himmel etwa eine halbe Stunde lang. 2 Und ich sah die sieben Engel, die vor Gott stehen, und ihnen wurden sieben Posaunen gegeben. 3 Und ein anderer Engel kam und trat an den Altar und hatte ein goldenes Räuchergefäß; und ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, dass er es darbringe mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar vor dem Thron. 4 Und der Rauch des Räucherwerks stieg mit den Gebeten der Heiligen von der Hand des Engels hinauf vor Gott. 5 Und der Engel nahm das Räuchergefäß und füllte es mit Feuer vom Altar und schüttete es auf die Erde. Und da geschahen Donner und Stimmen und Blitze und Erdbeben. 6 Und die sieben Engel mit den sieben Posaunen hatten sich gerüstet zu blasen. 7 Und der erste blies seine Posaune; und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und fiel auf die Erde; und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte. 8 Und der zweite Engel blies seine Posaune; und es stürzte etwas wie ein großer Berg mit Feuer brennend ins Meer, und der dritte Teil des Meeres wurde zu Blut, 9 und der dritte Teil der lebendigen Geschöpfe im Meer starb, und der dritte Teil der Schiffe wurde vernichtet. 10 Und der dritte Engel blies seine Posaune; und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen. 11 Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser wurde zu Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie bitter geworden waren. 12 Und der vierte Engel blies seine Posaune; und es wurde geschlagen der dritte Teil der Sonne und der dritte Teil des Mondes und der dritte Teil der Sterne, sodass ihr dritter Teil verfinstert wurde und den dritten Teil des Tages das Licht nicht schien und in der Nacht desgleichen. 13 Und ich sah, und ich hörte, wie ein Adler mitten durch den Himmel flog und sagte mit großer Stimme: Weh, weh, weh denen, die auf Erden wohnen wegen der anderen Posaunen der drei Engel, die noch blasen sollen! (Offenbarung 8,1-13)

(zuletzt bearbeitet am 28. Dezember 2015)