Sonntag, 23. August 2015

Die ewigen Gesetze des Universums – Joseph Wright of Derbys „Tischplanetarium“


Joseph Wright of Derby: Tischplanetarium (um 1764/66); Derby, Museum and Art Gallery
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Es ist so dunkel in dem Raum, dass man nicht viel von ihm erkennen kann: Auf der rechten Seite steht ein Bücherregal, vor dem ein schwerer Vorhang halb zur Seite gezogen ist, sonst lässt sich nichts näher bestimmen. So konzentriert sich der Betrachter vollständig auf das Personal und und das große Tischplanetarium in der Mitte des Bildes, auf das sich auch das Interesse der dargestellten Personen richtet. Sie haben sich um einen runden Tisch versammelt, den am Rand ein kleiner, flacher, auf Säulchen sitzender Metallring als Brüstung säumt. An dessen innerem Rand sind halbkreis- und ringförmige, sich kreuzende Metallbügel befestigt, die sogenannten Armillarsphären; sie markieren den Himmelsäquator, den Wendekreis des Krebses sowie den nördlichen Polarkreis. Für die eigentliche Funktion eines Tischplanetariums (ein sogenanntes „Grand Orrery“) – mechanisch mittels einer Kurbel und eines Uhrwerkes die Bewegung der Gestirne zu demonstrieren – sind sie nicht erforderlich. Im Inneren des Brüstungsringes, auf dem die Abfolge der Sternzeichen und des Jahreskalenders eingraviert ist, sind die metallenen Planetenkugeln auf schmalen, ebenfalls metallenen Ständern montiert, als Abbild des Sonnensystems.
Auf dem Gemälde von Joseph Wright of Derby (zwischen 1764 und 1766 entstanden) ist die Sonne durch einen kleinen Ölbehälter ersetzt worden, in dem als Lichtquelle eine Kerze schwimmt. Sie wird in Wrights ausführlicher Benennung seines Bildes auch ausdrücklich erwähnt: „A Philosopher giving a lecture on the Orrery, in which a Lamp is put in place of the Sun“.
Um das Tischplanetarium haben sich acht Personen versammelt. Am hellsten angestrahlt und mit seinen Gesichtern der Lichtquelle am nächsten ist ein kindliches Geschwisterpaar hinter dem Tisch; ein etwas größerer Junge steht vor dem Tisch und ist deswegen nur als fast völlig schwarze Silhouette zu sehen. An der linken Seite sitzt eine junge Frau mit breitem flachen Hut, ihr gegenüber haben zwei Herren Platz genommen. Der Vordere sitzt aufrecht, hat die Linke in die Seite gestützt und die Rechte auf den Rand des Tischplanetariums aufgesetzt. Der Hintere, Jüngere legt sinnend die Hand an den Kopf und betrachtet mit geneigtem Haupt den größten Planeten des Sonnensystems: Jupiter – er ist gerade noch zu sehen. Zu erkennen sind auch drei der damals vier mittels eines Prismenfernrohrs wahrnehmbaren Jupitermonde.
Auf Jupiter scheint auch der „philosopher“ zu weisen. Gemeint ist ein „natural philosopher“, also ein Naturwissenschaftler. Es handelt sich um einen reisenden Scholaren, einen „lecturer“, der mit großem Equipment durch die Provinz tingelte und Kurse für ein interessiertes Bürgertum anbot. Er steht, gekleidet in einen weiten, blumenbestickten Mantel und alle anderen Figuren überragend, im Zentrum des Bildes hinter dem Tischplanetarium, hat den Kopf leicht nach rechts gewandt, ohne mit den Augen etwas zu fixieren. Offenbar hat er etwas demonstriert, und nun sinnen die meisten seinen Erläuterungen nach. Nur der rechts von ihm stehende Mann notiert mit einem Bündel Manuskriptseiten in der Hand, was er beobachtet hat.
Wirklichen Kontakt miteinander haben nur die kleinen Geschwister. Es herrscht nachdenkliche Ruhe. „Dieser Ruhe korrespondiert bei aller Undurchdringlichkeit des Dunkels besonders zu den Rändern hin die Bildordnung. Denn nicht nur der Vorführende befindet sich auf der senkrechten Mittelachse, sondern auch die Lichtquelle, der Sonnenersatz“ (Busch 2009, S. 162). Ihr unmittelbar zugeordnet sind die Geschwister als hellste Partie des Bildes. Gerahmt wird die Szene von je zwei Figuren links und rechts.
Joseph Wright of Derby: Das Experiment mit der Luftpune (1768); London, National Gallery
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Kunsthistorisch zählt Wrights Tischplanetarium zu seinen „Candlelight“-Gemälden, zu denen auch Bilder wie Das Experiment mit der Luftpumpe (siehe meinen Post „Herr über Leben und Tod“) oder Die Schmiede gehören und die ihm zu großer Bekanntheit verhalfen. Entscheidende Impulse erhielt Wright dabei von den sogenannten Utrechter Caravaggisten aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, Künstlern wie Hendrick Terbrugghen, Gerrit van Honthorst oder Dirck van Baburen. Fortgeführt wurde diese Tradition bis ins 18. Jahrhundert von dem niederländischen Maler Gottfried Schalken. 
Correggio: Die Nacht (um 1530); Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister
Doch im 18. Jahrhundert war vor allem ein berühmtes Bild für die Gattung „Candlelight“ von großer Bedeutung, das vielfach grafisch reproduziert wurde, seit es zur Dresdener Gemäldegalerie gehörte (1746): Correggios Die Nacht, um 1530 entstanden. Das ist die Quelle für die beiden erleuchteten, sich umarmenden Kinder in Wrights Tischplanetarium, die in unschuldiger Freude das nachgebildete Sonnensystem betrachten und spielerisch mit ihm umgehen.
Geertgen tot Sint Jans: Geburt Christi (um 1490); London, National Gallery
Correggios Die Nacht gehört zum Typus der nächtlichen Anbetungsbilder, die wir seit der Geburt Christi von Geertgen tot Sint Jans (1465–1495) kennen und in denen das Christuskind als Lichtquelle aus sich selbst heraus leuchtet. Diese göttliche Lichtquelle erleuchtet bei Correggio nicht nur das eigentliche Geschehen im Stall und blendet gar die Korbträgerin, sondern erhellt selbst die Engel, die auf einer Wolke über der Krippe schweben – sie wirken wie angestrahlt. „Die beiden rechten Engel, von denen der eine die Augen gesenkt hat, der andere in unsere Richtung schaut, dürften für Wrights Kinder Pate gestanden haben, wofür vor allem das Umarmungs- und das Weisemotiv sprechen“ (Busch 2009, S. 172/173). Und wenn wir als Betrachter erkennen, dass diese Kinder ursprünglich einer Anbetungsszene entstammen, werden wir dann nicht auf die Frage nach dem göttlichen Ursprung aller Dinge hingelenkt? Fordern die ewigen Gesetze des Kosmos nicht ebenso zu Bewunderung und Ehrfurcht heraus? Führt die Betrachtung des Universums und seiner klaren Ordnungsprinzipien nicht letztlich doch zur Anbetung Gottes?
Das links und rechts vom Grand Orrery sitzende Paar scheint tief in Gedanken versunken über diese Zusammenhänge – und auch der Betrachter soll wohl im vollendeten Bau des Kosmos den großen Baumeister selbst erkennen. So könnte das Tischplanetarium nicht nur eine Demonstration der kosmischen Gesetze zeigen, die Isaac Newton (1643–1727) beschrieben hat. Newtons historische Leistung besteht bekanntlich u.a. in der Formulierung eines umfassenden Gravitationsgesetzes und im mathematischen Beweis, dass aus dem Gravitationsgesetz die Keplerschen Gesetze der Planetenbewegung folgen und umgekehrt. Gottes Schöpferkraft und Größe offenbart sich im Zeitalter der Aufklärung nicht mehr im Wunder, in spektakulären Ereignissen wider alle Wahrscheinlichkeit – sondern in der vollkommenen Ordnung der Natur und den unveränderlichen Gesetzen, nach denen das Universum eingerichtet ist. Diese göttliche Ordnung sichtbar gemacht zu haben, war nach Ansicht der damaligen Zeit die herausragende Leistung Newtons. Im Jahr 1700 brachte Alexander Pope diese Überzeugung mit folgendem Epigramm auf den Punkt:

Nature and Nature’s Laws lay hid in Night;
God said, Let Newton be! and All was Light.

Literaturhinweis
Werner Busch: Newtons Schatten auf Joseph Wright of Derbys „Tischplanetarium“. In: Werner Busch, Das unklassische Bild. Von Tizian bis Constable und Turner. Verlag C.H. Beck, München 2009, S. 159-178.

(zuletzt bearbeitet am 17.Mai 2016) 

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