Dienstag, 30. Juni 2020

Idealschön gekreuzigt – Donatellos Bronzekruzifix in Padua

Donatello: Bronzekruzifix (1444-1447); Padua, SantAntonio (für die Großansicht einfach anklicken)
Im Lauf des Jahres 1443 verließ der italienische Renaissance-Bildhauer Donatello (1386–1466) seine Heimatstadt Florenz und ließ sich in dem rund 200 Kilometer nördlich gelegenen Padua nieder. Dort lebte und arbeitete er für ein ganzes Jahrzehnt. Schon im Januar 1444 war er in Padua nachweislich mit Arbeiten zu einem Bronzekruzifix für die Kirche Sant’Antonio beschäftigt. Donatello wurde in den vergangenen Jahrhunderten eine ganze Reihe von Kruzifixen zugeschrieben – davon ist man heute weitgehend abgerückt. Als wirklich gesichert gelten nur das frühe Holzkruzifix von 1407/08 (Florenz, Santa Croce; siehe meinen Post „Ein Bauer am Kreuz“) – und das lebensgroße, durch zeitgenössische Dokumente belegte Bronzekruzifix in Padua: 1444 wurde Wachs für das Modell gekauft, 1447 erfolgte die Aufstellung in Sant’Antonio und 1449 die letzte noch ausstehende Lohnzahlung an den Künstler.
Donatello: Holzkruzifix (um 1407/08); Florenz, Santa Croce
(für die Großansicht einfach anklicken)
Donatello schuf mit dieser Christusfigur ein für die damalige Zeit völlig neues Idealbild des Gekreuzigten; von dem ungeschönten Realismus des frühen Holzkruzifix ist hier nichts mehr zu spüren. Der Körper Jesu war ursprünglich vollkommen nackt, der heute zu sehende Lendenschurz wurde erst in der Barockzeit hinzugefügt. Die Gestalt Christi ist in allen Details und Proportionen stimmig und hochdifferenziert modelliert; ein vollkommen ausbalanciertes Gleichgewicht bestimmt den Gesamteindruck und „verleiht ihr eine Schwerelosigkeit, die allen älteren Quattrocento-Kruzifixen gänzlich fehlt“ (Poeschke 1990, S. 113). Der Corpus ist nur scheinbar frontal wiedergegeben: Der Rumpf nimmt vielmehr die Wendung des Kopfes fast unmerklich auf. Die Verschiebung wird ausgeglichen, indem das rechte Bein in einer für das 15. Jahrhundert ungewöhnlichen Weise kurz unterhalb der Knie über das andere gekreuzt ist. Hände und Füße sind mit auffallend schweren Nägeln ans Kreuz geheftet.
Hier wird nicht grell gestorben, sondern verhalten
Kräftiger geformt als an früheren Kruzifixen sind die Beine, wobei die dicht beieinander liegenden, vortretenden Knie eine Zäsur bilden. Über den schlanken Hüften erhebt sich der ebenso schmale, vertikal ausgerichtete Oberkörper, der eindrucksvoll Donatellos Kenntnisse der menschlichen Anatomie belegt. Die Arme sind ruhig ausgespannt; der Ausdruck von Erschöpfung und Tod ist ganz auf das zur Brust geneigte Haupt und das Gesicht begrenzt, auch hier eher verhalten als grell akzentuiert. Angestrengt wirkt das Antlitz vor allem durch den geöffneten Mund und die auf der Stirn hervortretende Ader. Nicht der leidende, grausam verunstaltete Passionschristus wird uns hier gezeigt, wie ihn die Hochgotik seit dem 14. Jahrhundert in Nordeuropa und auch in Norditalien immer wieder gestaltet hat (siehe meinen Post „Um unsrer Sünden willen zerschlagen“), sondern ein Christus, dessen Göttlichkeit und Hoheit am Kreuz durch seine körperliche Anmut sichtbar wird, durch die würdevolle Ruhe seiner Gebärden und das Ebenmaß der Proportionen. Damit knüpft Donatellos Christusfigur an die idealisierten Körperbilder der klassischen Antike an.
Michelozzo: Holzkruzifix (um 1445); Florenz, San Niccolò Oltrarno
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Michelangelo: Holzkruzifix (um 1494); Florenz, Santo Spirito
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Zu den unmittelbaren Nachfolgewerken des Paduaner Kruzifixes gehört der Michelozzo (um 1396–1472) zugeschriebene hölzerne Kruzifix von San Niccolò Oltrarno in Florenz. Wegen seiner ruhigen Ausstrahlung ist ihm auch Michelangelos Kruzifix für Santo Spirito (um 1494, ebenfalls Florenz) noch verpflichtet.

Literaturhinweise
Lisner, Margrit: Holzkruzifixe in Florenz und in der Toskana von der Zeit um 1300 bis zum frühen Cinquecento. Verlag F. Bruckmann, München 1970; S. 63-66;
Poeschke, Joachim: Die Skulptur der Renaissance in Italien. Band 1: Donatello und seine Zeit. Hirmer Verlag, München 1990, S. 113-114;
Wirtz, Rolf C.: Donatello. Könemann Verlagsgesellschaft, Köln 1998, S. 78-80.

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