
Caravaggio: Ecce Homo (1605/09); Genua, Museo di Strada Nuova
Eine Szene aus der Passion Christi in der für den italienischer Barockmaler Caravaggio (1571–1610) typischen Manier: nah gesehene, dicht beieinander stehende Figuren in einem nicht näher bestimmten Raum, modelliert in kräftigem Helldunkel, in dem nur einzelne Körperteile im Licht aufscheinen, hier vor allem der nackte Oberkörper Jesu. Dargestellt ist das Ecce Homo, wie es im Johannes-Evangelium geschildert wird (18,38-19,5): Nachdem Pilatus Christus verhört hat und keine Schuld an ihm finden kann, fragt er die Menge, ob er Jesus oder den Räuber Barabbas freilassen soll. Als das aufgebrachte Volk weiterhin seinen Tod fordert, lässt Pilatus Christus geißeln. Seine Schergen setzen ihm eine Dornenkrone auf und legen ihm einen purpurnen Mantel an. Daraufhin tritt Pilatus erneut aus seinem Palast und wendet sich an das Volk: „Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!“ (Johannes 19,4-5; LUT).
Hinter einer steinernen Balustrade steht am rechten Bildrand der in eine schwarze Amtsrobe gekleidete Pilatus. Er wendet sich mit fragendem Blick an den Betrachter und weist mit beiden Händen auf den vor ihm stehenden Christus. Der durch Dornenkrone und Rohrzepter als König der Juden verspottete Sohn Gottes hat die Augen niedergeschlagen und die Hände vor den Körper gebunden, während ein hinter ihm stehender Scherge ihm den Purpurmantel umlegt.

Caravaggio: Ecce Homo (1605/09); Privatbesitz
2021 gelangte eine sehr ähnlich angelegte Ecce Homo-Darstellung mit drei nah gesehenen Halbfiguren in den Kunsthandel, die zunächst nur auf einen Wert von 1500 Euro geschätzt wurde. Als das Gemälde dann im Onlinekatalog eines Madrider Auktionshauses auftauchte, waren renommierte Altmeisterhändler elektrisiert, weil sie in dem Bild einen „Sleeper“ vermuteten. Damit ist im Kunsthandel ein hochkarätiges Werk gemeint, das lange Zeit im Verborgenen geblieben ist. Caravaggio-Experten nahmen darauf hin umfangreiche Untersuchungen vor: Sowohl stilistische Aspekte als auch eine fast lückenlose Provenienz und aufwendige kunsttechnologische Analysen führten zu der Gewissheit, dass es sich um eine eigenhändige Arbeit Caravaggios handelt, wie die Fassung in Genua zwischen 1605 und 1609 entstanden.
Im Zuge der Restaurierung, bei der die Farben ihre ursprüngliche Leuchtkraft zurückerhielten und sich auch das dramatische Helldunkel des Bildes wieder voll entfalten konnte, wurde das Gemälde vom spanischen Kulturministerium zum nationalen Kulturgut erklärt und mit einem Ausfuhrverbot belegt. Schließlich wurde der Caravaggio von einem Sammler mit Wohnsitz in Spanien für angeblich 36 Millionen erworben. Die Öffentlichkeit konnte das Bild dann nochmals von Mai 2024 bis Februar 2025 als Leihgabe im Madrider Prado bewundern.
Literaturhinweis
LUT = Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
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