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| Peter Paul Rubens: Haupt der Medusa (1617/18); Wien, Kunsthistorisches Museum (für die Großansicht einfach anklicken) |
Der römische Dichter Ovid lässt in seinen „Metamorphosen“ den Helden Perseus erzählen, wie die schöne, sterbliche Gorgone Medusa zum todbringenden Ungeheuer geworden sei: Neptun vergewaltigte sie im Tempel der Minerva, und diese bestrafte das Opfer, indem sie Medusas herrliches vielbewundertes Haar in hässliche Schlangen verwandelte. Der Anblick Medusas versteinerte daraufhin jeden. Sie hauste in unwegsamer Gegend am Fuße des Atlas, umgeben von Standbildern petrifizierter Menschen und Tiere. Perseus konnte sich mit einer List vor dieser tödlichen Gefahr schützen: Er betrachtete die schlafende Gorgone in der spiegelnden Fläche seines Schildes und enthauptete sie so ohne direkten Blickkontakt.
Das Haupt der Medusa behält auch nach deren Tod seine furchtbare Wirkung und wird dadurch zu Schutz und Waffe für deren Besitzer: Minerva selbst, die es als Geschenk von Perseus erhält, trägt es entweder auf dem Brustpanzer oder auf ihrem Schild (Ilias 5,741). Außerdem schmückt es Agamemnons Schild (Ilias 11,36) – und in der Folge die Schilde vieler weiterer Feldherren.Der flämische Maler Peter Paul Rubens (1577–1640) präsentiert das Haupt der Medusa abgeschlagen, diagonal auf kargem Boden liegend, inmitten von allerlei Ungetier. Ein weißes Tuch liegt teilweise auf ihrem Haar und verläuft dann nach rechts, vom Bildrand überschnitten – es erweckt Assoziationen zu einem Leichentuch. Die Szene spielt im Freien, vielleicht auf einem Felsen; rechts vorne scheint sich ein Abgrund aufzutun, hinter dem Kopf sind Pflanzen auf einer Felswand erkennbar, links hinten in weiter Ferne sehen wir eine bewaldete, leicht hügelige Landschaft. Der Felsen könnte auf das Atlasgebirge anspielen, in dem die Medusa lebte; außerdem hatte Perseus mithilfe des Medusenhauptes den Titanen Atlas versteinert (Metamorphosen IV,655-662).
Medusas Kopf ist von Haar- und Schlangensträhnen umrahmt; in der Blutlache unter dem deutlich sichtbaren Halsstumpf wimmelt es von kleinen Schlangen, einzelne Blutstropfen erscheinen ei-förmig geronnen, aus ihnen formen sich neue Schlangen. Ganz rechts gebiert aber auch eine Schlange gerade Schlangen. Kaum auszumachen ist, ob sich vielleicht weiteres Gewürm im Farn an der Felswand verbirgt, der mit seinen reptilienähnlichen Formen Tarnung bietet.
Rubens gelingt es, den Todesmoment der Medusa an ihrem Gesicht besonders hervorzuheben: Zornig und entsetzt zugleich ballt die Medusa ihre Augenbrauen zusammen und reißt die Augen auf, die sich blutunterlaufen nach unten verdrehen. Es scheint, als habe sie im Aufwachen den Augenblick ihrer Enthauptung wahrgenommen. Auch der verspannt wirkende Mund ist noch geöffnet; die grauen Lippen mit den schon nekrotisch schwarzen Stellen liegen ganz schmal auf den Zähnen. Blut rinnt aus der Nase. Kreidebleich ist ihr Gesicht, dessen Knochenbau sich durch die straffgezogene, fast pergamentene Haut abzeichnet.
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| Caravaggio: Haupt der Medusa (1597/98); Florenz, Uffizien |
Rubens‘ Gemälde nimmt den Wettstreit mit zwei großen Vorgängern auf, die ebenfalls das abgeschlagene Medusenhaupt dargestellt haben: Leonardo da Vinci (1452–1519) und Caravaggio (1571–1610). Der Künstlerbiograf Giorgio Vasari (1511–1574) berichtet, wie Leonardo mittels der täuschend echten Wiedergabe allerlei scheußlichen Getiers die Wirkung einer Medusa auf einem runden Schild erzielt habe. Außerdem spricht Vasari von einem Ölgemälde Leonardos mit einem Medusenhaupt, dass der Künstler allerdings nie vollendete. Es soll zur Zeit Vasaris im Besitz Herzog Cosimos in Florenz gewesen sein, doch verlieren sich seine Spuren in den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts. Auf dieses Gemälde werden eine Reihe von Kunstwerken zurückgeführt, die ein Medusenhaupt mit einem zum Schrei geöffneten Mund zeigen, allen voran als berühmteste Weiterentwicklung der Schild von Caravaggio (siehe meinen Post „Wenn Blicke töten können“). Dieser befand sich 1600 bereits in der Medici-Sammlung in Florenz, als Rubens dort im Gefolge des Herzogs von Mantua an der Hochzeit Maria de’ Medici mit Heinrich IV. von Frankreich teilnahm – wahrscheinlich hat er ihn bei dieser Gelegenheit gesehen.
Rubens wiederum verzichtete darauf einen Schild zu suggerieren – um mit seiner lebendigen Darstellung beim Betrachter terrore e meraviglia auszulösen, Schrecken und Staunen, Entsetzen und Bewunderung zugleich. Um diese Wirkung zu steigern, war das Gemälde mit einem Vorhang verdeckt – was bei einem plötzlichen Wegziehen des Vorhangs, als inszenierter Überraschungseffekt, sicherlich einen kleinen Schock verursachte. Wie der weggezogene Vorhang, so entsteht auf dem Gemälde der Eindruck, das helle Tuch, mit dem das Haupt verhüllt war, sei gerade erst abgedeckt worden.Erkennt der Betrachter nach dem ersten Erschrecken den medialen Charakter des Bildes, erweist sich das Dargestellte also als „ungefährlich“, mündet das Entsetzen in das Gefühl eines angenehmen Schauders. Sowie das Bild als Bild wahrgenommen wird, erkennt der Betrachter die Grundlosigkeit des erlebten Schreckens. Ulrich Heinen meint, dahinter stehe die stoische Philosophie, die uns auffordere, gelassen auf zufällige Widerfahrnisse wie auch Schicksalsschläge zu reagieren und zu einer inneren Unerschütterlichkeit (constantia) und Heiterkeit des Herzens zu gelangen.
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| Jan van Kessel: Studie mit Blume und Insekten (1653); Privatsammlung |
Rubens hat von seiner Komposition zwei Versionen angefertigt: eine auf Leinwand, die sich heute im Kunsthistorischen Museum Wien befindet, und eine auf Eichenholz, die heute im Mährischen Museum von Brünn ausgestellt ist. Diskutiert wurde immer wieder, ob das Gewürm, dass sich im Haupt der Medusa und aus ihm heraus windet, vielleicht von dem flämischen Tiermaler Frans Snyders (1579–1657) stammt, mit dem Rubens wiederholt zusammengearbeitet hat. Die Fülle des Getiers lässt sich durchaus vergleichen mit Darstellungen des flämischen Malers Jan van Kessel (1626-1679), der auf vielen seiner Bilder Insekten oder Reptilien zusammenfügt.
Literaturhinweise
Büttner, Nils/Heinen, Ulrich (Hrsg.). Peter Paul Rubens. Barocke Leidenschaften. Hirmer Verlag, München 2004, S. 222-225;
Gruber, Gerlinde/ Tomášek, Petr: Alptraumhaft schön: Rubens‘ Wiener Medusenhaupt trifft auf die Brünner Fassung. KHM-Museumsverband, Wien 2018;
Kräftner, Johann u.a. (Hrsg.): Rubens in Wien. Die Meisterwerke. Christian Brandstätter Verlag, Wien 2004, S. 222-227;
Vasari, Giorgio: Das Leben des Leonardo da Vinci. Neu übersetzt und kommentiert. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006, S. 23-26 und 72-73.



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