Donnerstag, 28. Februar 2013

Claude Monet, der Raffael des Wassers

Claude Monet: Die Küste von Fecamp (1881); Privatsammlung
Claude Monet: Ufer der Seine bei Jenfosse (1884); Privatsammlung
Claude Monet: Wellen (1881); San Francisco, Fine Arts Museum
Claude Monet: Die Küste bei Étretat (1885); Williamstown, Clark Art Institute
Claude Monet: Venedig, Palazzo da Mula (1908); Washington, D.C., National Gallery of Art
Claude Monet: Ombres sur la mer à Pourville (1882); Kopenhagen, Carlsberg Glyptotek
Claude Monet: La mer vue des falaises (1881); Privatsammlung
„Il est le Raphaël de l’eau. Il la connaît dans ses mouvements, dans toutes ses profondeurs, à toutes ses heures.“
Édouard Manet


   Was aber zum Vorschein kommt, wenn man den ganzen Monet in den Blick nimmt, ist die atemberaubende, vibrierende Schönheit einer Welt, die sich immer nur im Augenblick, im ephemeren Funkeln des Sonnenlichts offenbart. Die niemals zu bannen, nur im raschen Vorüberhuschen zu ahnen ist. Die Schönheit der diesseitigen Welt – und die Melancholie, die Verlustangst, die ihre Erscheinungen hervorruft, weil sie uns stets wieder entgleitet, obwohl wir sie fast verzweifelt festzuhalten suchen. Wir lieben Monet, weil er die Welt als Fluchtpunkt unserer Wunschträume malt, unserer Vorstellungen von Frieden und Glück, von einem sonnendurchfluteten Dasein. Claude Monet, der immer von Sorgen getrieben wurde, der erst arm war und dann immerzu unzufrieden, niemals so recht zu Hause in der Welt, hat in seinen Gemälden Sehnsuchtsorte entworfen, Zufluchtsorte für heimatlose und gequälte Seelen.
   Das ist das Geheimnis seiner Kunst. Monet hat gültige Bilder vom Glück geschaffen, aber mit der Sehnsucht eines Verzweifelten. Sie sind deswegen so anziehend, so überwältigend und überzeugend, weil es sich um Wunschbilder handelt – seine Idyllen sind Verzweiflungstaten. In den schwärzesten Momenten seines Lebens, in den Jahren der größten mteriellen Not, der Einsamkeit und Bedrückung malt er die hellsten und heitersten Landschaftsbilder, die impressionistischen Idyllen von der Seinelandschaft vor den Toren von Paris. Und am Sterbebett der Gefährtin, der qualvoll verstorbenen ersten Ehefrau Camille, beginnt er ihre Züge auf Papier so inspiriert festzuhalten, als würde er vor einer reizvollen Landschaft stehen. Gerade hier, in diesem Moment, offenbart sich die Triebkraft seines obsessiven Schaffensdrangs, seines unermüdlichen »Welt-Erraffens«: im paradoxen, letztlich zutiefst tragischen Wunsch, dem Transitorischen Dauer zu verleihen. Claude Monet, dessen große künstlerische Tat in der »Heroisierung der Flüchtigkeit« liegt, jagte immerzu – und ganz vergeblich – dem Überzeitlichen hinterher. Dem einen schönen, brillanten Augenblick wollte er Ewigkeit verleihen.“
Manfred Schwarz
(DIE ZEIT, 17. September 2009, S. 65)