Samstag, 9. Februar 2013

Illum oportet crescere – der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald


Matthias Grünwald: Johannes der Täufer, 1. Schauseite des Isenheimer Altars
Es gibt nur wenige christliche Kunstwerke, die einem breiten Publikum so bekannt sind wie der Isenheimer Altar Matthias Grünewalds, abgesehen vielleicht von Michelangelos Wandmalereien in der Sixtinischen Kapelle und Albrecht Dürers Betenden Händen. Viele haben sofort den überlangen Zeigefinger vor Augen, mit dem Johannes der Täufer auf den geschundenen, mit Wunden übersäten Leib des Gekreuzigten weist (siehe meinen Post O Haupt voll Blut und Wunden!“). Matthias Grünewald, der den gewaltigen Altar von 1512 bis 1516 für das Antoniterkloster im elsässischen Isenheim schuf, gilt als einer der bedeutendsten nördlichen Maler zwischen Mittelalter und Neuzeit – doch über sein Leben und seine Person ist kaum etwas bekannt. Während andere zeitgleiche Meister wie Albrecht Dürer, Hans Holbein, Lucas Cranach oder Albrecht Altdorfer in Dokumenten und zahlreichen Werken Jahr für Jahr fassbar sind und in selbstbewussten Porträts ihr Aussehen überliefert haben, wissen wir über Matthias Grünewald so gut wie nichts. Selbst sein genauer Name war lange umstritten; inzwischen hat sich unter den Kunsthistorikern mehrheitlich die Ansicht durchgesetzt, dass es sich bei dem Künstler um den kurmainzischen Hofmaler Mathis Neithart Gothart handelt. Auch von Grünewalds Werk kennen wir nur den Rumpf, weil es durch Bilderstürmer arg reduziert wurde: Nur 26 Gemälde und 37 Handzeichnungen sind noch erhalten (allesamt mit christlichen Themen), und nicht für jedes Bild ist seine Urheberschaft zweifelsfrei nachweisbar.
Matthias Grünwald: Isenheimer Altar, 1. Schauseite; Musée dUnterlinden, Colmar
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Wahrscheinlich wurde Grünewald um 1480 in oder bei Aschaffenburg geboren. Wenige seiner Lebensstationen sind wirklich gesichert, und auch über sein Todesjahr gehen die Gelehrtenmeinungen noch immer auseinander. Grünewald ist bis heute der große Unbekannte geblieben, von dem nur noch seine Bilder zeugen. Unter ihnen ist es vor allem der Isenheimer Altar, der den heutigen Betrachter immer noch zu faszinieren und zu packen vermag, weil er das Evangelium so eindringlich und unmittelbar verkündigt wie sonst kein zweites Kunstwerk der vergangenen 500 Jahre. Im Nachlass des Malers fand man Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, dazu – sorgfältig eingebunden – zahlreiche Predigten des Reformators. Das weist darauf hin, dass Grünewald zu all denen gehörte, die damals in einer noch ganz offenen, noch nicht konfessionalisierten Lage durch Luthers Neuentdeckung des Evangeliums zutiefst bewegt wurden. „In brennender Sorge um das eigene Seelenheil erfuhren sie die Rechtfertigungslehre als die Befreiung aus einer Spirale der Leistungsfrömmigkeit“ (Arndt 2007, S. 20).
Während der Französischen Revolution wurde das Isenheimer Kloster 1793 geplündert und verwüstet. Der Grünewald-Altar konnte jedoch gerettet und in der Bezirksbibliothek von Colmar sichergestellt werden. Nachdem das Kunstwerk Jahrzehnte dort auf dem Dachboden gelagert hatte, brachte man es 1852 in das neu errichtete Museum „Unterlinden“, ein ehemaliges Kloster in Colmar, wo es auch heute noch besichtigt werden kann. 1918, noch während des Ersten Weltkriegs, deportierte man den Altar nach München in die Alte Pinakothek. Grünewalds Malerei war vielen bis dahin unbekannt geblieben; jetzt erregte sie bei Wissenschaftlern und Künstlern großes Aufsehen. Besonders die Expressionisten entdeckten in Grünewalds ausdrucksstarker und farbmächtiger Malerei ein Vorbild. 
Der geschundene Leib Christi
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1919 kehrte der Altar ins Elsass zurück. Er gehört zu den besterhaltenen Kunstwerken des Mittelalters und hat keinerlei Ausbesserung oder Übermalung erleiden müssen. Seine Farben leuchten  – dank einer besonderen, unbekannt gebliebenen Technik des Meisters – noch heute mit ihrer ursprünglichen Strahlkraft.
Grünewald schuf einen sogenannten Wandelaltar, dessen Aussehen sich im Verlauf des Kirchenjahres änderte, indem seine Bildtafeln auf- oder zugeklappt wurden. Geschlossen (wie an Werktagen und zu Bußzeiten üblich) zeigte er die Kreuzigung, links und rechts davon auf schmalen Seitentafeln die Heiligen Sebastian und Antonius sowie in der Predella (dem Altar-Unterbau) die Beweinung Christi. An Sonn- und niederen Feiertagen wurde das Passionsbild geöffnet, und die zweite Schauseite bot sich dar: links die Verkündigung an Maria, in der Mitte die Geburt Jesu und das Engelskonzert, rechts die Auferstehung des Gekreuzigten. An hohen Feiertagen wurde der Altar ein weiteres Mal aufgeschlagen. Dann sahen die Betrachter die Schnitzfiguren (Antonius, Augustinus und Hieronymus) des Nikolaus von Hagenau, dazu das Gespräch zwischen Antonius und Paulus auf dem linken und die Versuchung des Antonius auf dem rechten Seitenflügel. Der Eindruck des Altars, der bei geöffneten Flügeln bis zu 7 Meter breit war, muss überwältigend gewesen sein. Heute ist er im Colmarer Museum so umgebaut, dass alle Schauseiten gleichzeitig zu sehen sind.
Matthias Grünewald: Isenheimer Altar, 2. Schauseite (für die Großansicht einfach anklicken)
Matthias Grünewald: Stuppacher Madonna (1519); Bad Mergentheim-Stuppach,
Parrkirche Mariä Krönung (für die Großansicht einfach anklicken)
Bis 1519 malte Grünewald dann in Aschaffenburg an der sogenannten Stuppacher Madonna (Pfarrkirche MariäKrönung in Stuppach bei Bad Mergentheim); es folgten Altarbilder für den Mainzer Dom, Altaraufsätze für die Stiftskirche in Halle und schließlich eine Tafel vom Tauberbischofsheimer Altar (1525; heute in Karlsruhe), die auf der Vorderseite die Kreuzigung Christi und auf der Rückseite die Kreuztragung zeigt. Diese letzten, vom Leiden Christi geprägten Bilder fallen in die Zeit der blutigen Bauernkriege. 1527 ist der Meister in Halle an der Saale tätig, und zwar als „Wasserkunstmacher“. Bis zu seinem Tod Ende August 1528 hat er wahrscheinlich kein weiteres Bild mehr gemalt.
Matthias Grünewald: Kreuztragung (1523/25); Karlsruhe Staatliche Kunsthalle
Man geht davon aus, dass sich Grünewald in der Gestalt Johannes des Täufers auf dem Isenheimer Passionsbild selbst dargestellt hat. Hinter seiner Hand leuchtet am nachtdunklen Himmel in lateinischer Schrift der Bibelvers auf, der uns einen Hinweis darauf gibt, worin er als Künstler seinen Auftrag sah: „Jener muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Johannes 3,30). Der Meister, dessen Initialen sich nur auf dreien seiner Werke finden, wollte, so darf man annehmen, nichts sein als ein Fingerzeig auf seinen Herrn – den Mensch gewordenen Gottessohn, der zum Heiland aller wird, indem er die Schuld der Welt auf sich nimmt und ans Kreuz trägt. 

Literaturhinweise
Arndt, Karl: Mathis Neithart Gothart, genannt Grünewald in seiner Epoche. In: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Hrsg.), Grünewald und seine Zeit. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S. 19-29;
Cuttler, Charles D.: Grünewald Sources. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 50 (1987), S. 539-549;
Reuter, Astrid: Zur expressiven Bildsprache Grünewalds am Beispiel des Gekreuzigten. In: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Hrsg.), Grünewald und seine Zeit. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S. 78-86;
Ziermann, Horst: Matthias Grünewald. Prestel Verlag, München 2001.

(zuletzt bearbeitet am 29. Mai 2017)


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