Sonntag, 21. April 2013

Lachen bis zum Umfallen – Rembrandts Selbstbildnis als Zeuxis


Rembrandt van Rijn: Selbstbildnis als Zeuxis (um 1662); Köln, Wallraf-Richartz-Museum
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Vor einem äußerst dunkel gehaltenen Hintergrund blickt uns ein lachender alter Mann entgegen. Es ist Rembrandt selbst. Sein Gesicht wird von starkem Schlaglicht erfasst, seine Stirn leuchtet hell. Auch Kopfbedeckung und Mantelschärpe schimmern im Schlaglicht golden. Durch die Lichtregie wirkt der alte Mann, als habe er sich gerade zu uns nach vorne gebeugt. So entsteht der Eindruck einer Momentaufnahme, der auch durch den lachenden Mund und die hochgezogenen Augenbrauen betont wird. Die breite goldene Schärpe und die Kette um seinen Hals verleihen ihm eine gewisse Vornehmheit. Ein kleiner goldener Lichtreflex am Ohrläppchen deutet einen Ohrring an. Die pastose Malweise im Gesicht wirkt geradezu, als hätte Rembrandt Wange, Nase und Stirn aus Ton geformt. Erst nach und nach erkennen wir, dass er einen Malstock in der Hand hält und vor einer Leinwand steht, auf der eine ältere weibliche Person mit Goldschmuck um den Hals dargestellt ist. Sie wird vom linken Bildrand überschnitten, sodass von ihrem Gesicht nur wenig mehr als eine Hakennase und ein vorstehendes Kinn erkennbar sind.
Lange Zeit hat man in diesem Selbstbildnis ein Rollenporträt erkennen wollen: Rembrandt habe sich als den lachenden Philosophen Demokrit dargestellt (so z. B. Schama 2000, S. 677); mit der gemalten Person sei deswegen wahrscheinlich der dazugehörige Philosoph Heraklit gemeint. Heute ist man sich weitgehend darin einig, dass das Kölner Selbstbildnis eine Episode aus dem Leben des antiken Malers Zeuxis erzählt. Der habe in hohem Alter eine alte hässliche Frau gemalt, was ihn so heftig habe lachen lassen, dass er dabei gestorben sei. Der griechische Künstler Zeuxis, der in Athen gegen Ende des 5. Jahrhunderts v.Chr. lebte und arbeitete, wurde von den Kunsttheoretikern der Antike für seine außergewöhnlichen Fähigkeiten als Maler gepriesen. Als er z. B. den Auftrag erhielt, ein Bild mit dem Thema der Helena von Troja zu malen, ließ Zeuxis die fünf schönsten Mädchen aus der Nachbarschaft Modell stehen. Von jeder wählte er die schönsten Körperteile und kombinierte sie zur Darstellung einer idealen Schönheit.
Arent de Gelder: Selbstbildnis als Zeuxis (1685); Frankfurt, Städel
Arent de Gelder (1645–1727), ein Schüler Rembrandts, hat die Anekdote vom kuriosen Tod des Zeuxis in einem um 1685 entstandenen Gemälde aufgegriffen und mit einem Selbstporträt verknüpft. Der Maler sitzt an einer Staffelei und blickt breit grinsend über seine Schulter. Ganz links posiert die runzlige alte Frau mit einem Apfel oder einer Orange in der Hand, der in der klassischen Mythologie an Venus als die schönste der Göttinnen überreicht wird. De Gelders Gemälde hat wesentlich dazu beigetragen, das tatsächliche Thema von Rembrandts Selbstbildnis zu identifizieren, denn es gibt auffallende Übereinstimmungen zwischen den beiden Bildern. Dass Rembrandt nicht die alte Frau selber wiedergibt, sondern das Porträt, das Zeuxis von ihr anfertigt, wird am ehesten deutlich, wenn man vor dem Original im Kölner Wallraf-Richartz-Museum steht: Rechts von der weiblichen Figur befindet sich eine dunkle Fläche, deren Kontur sich als eine vertikale Linie gegen den etwas helleren Hintergrund abzeichnet. Damit ist wahrscheinlich der Rand der Leinwand angegeben, die vor dem Maler auf einer (unsichtbaren) Staffelei steht. Das „Rembrandt Research Project“ hat bei seiner Untersuchung des Bildes festgestellt, dass links wohl ein 10 cm breiter Streifen abgeschnitten wurde und an den anderen Seiten ebenfalls schmale Streifen fehlen. Das bedeutet, dass von der Figur links ursprünglich sehr viel mehr zu sehen war, als das heute der Fall ist. Kein anderer Maler außer Rembrandt und Arent de Gelder hat diese Episode als Thema gewählt. Möglicherweise hatte de Gelder das Gemälde seines Lehrers gesehen, als er zwischen 1662 und 1664 in dessen Amsterdamer Atelier arbeitete, und nahm es später zum Ausgangspunkt für sein eigenes Bild.
Rembrandt van Rijn: Homer (1663, Fragment); Den Haag, Mauritshuis
Die Malweise des Zeuxis-Selbstporträts ist ebenso frei und pastos wie bei Rembrandts Homer, einem Gemälde, an dem er in den Jahren 1661 bis 1663 gearbeitet hat (siehe meinen Post „Antikes Dreigestirn“). In beiden Fällen ist das goldglänzende Tuch mit langen Strichen und dicken, mit dem Palettenmesser aufgetragenen Höhungen gemalt. Ebenso vergleichbar ist die Wiedergabe der Köpfe, die mit kräftigen Bewegungen in die nasse Farbe modelliert sind.

Literaturhinweise
Jeroen Giltaij: Rembrandt Rembrandt. Ausstellungskatalog Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt am Main 2003. Edition Minerva, Wolfratshausen 2003, S. 208-210;
Simon Schama: Rembrandts Augen. Siedler Verlag, Berlin 2000;
Christopher White/Quentin Buvelot (Hrsg.): Rembrandts Selbstbildnisse. Belser Verlag, Stuttgart 1999, S. 216-219.

(zuletzt bearbeitet am 19.Oktober 2016)